Faktoren II b: Schnelligkeit

Vorab möchte ich ein Dutzend Thesen zur Schnelligkeit im Sport aufstellen.
  1. Schnelligkeit bzw. Bewegungsgeschwindigkeit ist das entscheidende Merkmal der meisten erfolgreichen Sportaktionen. Jedoch
  2. Schnelligkeit als isolierte, als “reine“ Fähigkeit gibt es im Sport nicht; Schnelligkeit ist stets nur eine Komponente der komplexen sportlichen Leistung.
  3. Schnelligkeit zeigt sich in verschiedenen Erscheinungsformen und ist einer Vielzahl von Einflussgrößen abhängig ..(z.B. Gehirn)
  4. Die Bewegungstechnik und die koordinativen Fähigkeiten haben eine überragende Bedeutung für Schnelligkeitsleistungen.
  5. Maximal- und Schnellkraft wirken sich positiv auf die Schnelligkeit aus; Maximalkraft, Schnellkraft und Schnelligkeit bilden eine >>dynamische Einheit<<.
  6. Muskuläre Dysbalancen bewirken einen erheblichen Verlust der schnelligkeitsspezifischen Leistungsfähigkeit.
  7. Muskuläre Dehnfähigkeit optimiert die Muskelausbildung und somit die Schnelligkeitsleistungsfähigkeit.
  8. Spezifische Ausdauer hat positive Wirkungen auf die Schnelligkeitsleistungsfähigkeit!
  9. Im Schnelligkeitstraining geht Qualität vor Quantität, d.h.: höchstmögliche Schnelligkeit wird über einen hochausgeprägten komplexen Steuerungs- und Regelungsprozeß erzielt-, man trainiert und man lernt Schnelligkeit.
  10. Schnelligkeit im Sport ist >>erlern<< – und trainierbar durch spezielle Übungen, nicht durch allgemeine. Diese speziellen Übungen müssen die raumzeitlichen, dynamischen und energetischen Merkmale der Wettkampfbewegungen teilweise oder ganz enthalten.

Konsequenzen

  • für ein Grundlagentraining: vielseitig sportartgerichtet (nicht vielseitig allgemein);
  • für ein Aufbautraining: vielseitig sportartgerichtet und rein spezifisch;
  • für ein Hochleistungstraining: rein spezifisch.

11. Schnelligkeitsübungen mit submaximaler Geschwindigkeit ausgeführt fördern Bewegungsmuster im Gehirn mit ebenfalls submaximaler Geschwindigkeitsausprägung, nicht mit maximaler!
12. Schnell ist man erst dann, wenn man mit hohen und höchsten Geschwindigkeiten >>spielen<< kann, d.h. Bewegungen so steuern und erfühlen kann, dass man Geschwindigkeits-Variatonen >>spürt<<.

Schnelligkeit und sportliche Leistung

Was ist eigentlich sportliche Leistung?
Bevor wir uns mit dem Phänomen Schnelligkeit näher auseinandersetzen, sollten wir uns daran erinnern, dass Schnelligkeit im Sport nie isoliert auftritt, sondern stets nur ein Teil eines Ganzen ist – eben eine Komponente der sportlichen Leistung.
So >>leisten<< Sprinter, Spieler, Baserunner, Fechter u. a. etwas, das mittels all ihrer vielen Fähigkeiten zustande kommt, und die Schnelligkeit ist dabei nur eine unter anderen Fähigkeiten.

Aufgrund dieser Gegebenheiten fragen wir zunächst einleitend: Was ist sportliche Leistung, und wie ist die Schnelligkeit in ihr eingebettet?

Trainingswissenschaftlich wird die sportliche Leistung derzeit von vier Ansatzpunkten aus definiert:

  1. Trainingspädagogisch
    gesehen ist die Leistung die Einheit von Vollzug und Ergebnis einer sportlichen Bewegungshandlung, orientiert an einer bestimmten gesellschaftlichen Norm.
  2. Physikalisch
    gesehen ist Leistung der Quotient aus Arbeit und der für die Arbeit benötigten Zeit.
  3. Physiologisch
    gesehen ist Leistung der Energieumsatz pro Zeiteinheit.
  4. Psychologisch
    gesehen ist Leistung das klassifizierbare Bewältigen vorgegebener Testaufgaben bzw. das Erreichen spezieller kognitiver, affektiver und psychomotorischer Fähigkeiten.

Eine sportliche Leistung ist stets Ausdruck der gesamten Persönlichkeit und muß als ein Komplex, bestehend aus einer Vielzahl einzelner Fähigkeiten und Bedingungen, gesehen werden. Die einzelnen Komponenten sind als unterscheidbare Aspekte, nicht aber als eindeutig abgrenzbare Bereiche (menschlicher) sportlicher Leistungen zu sehen. Sie beeinflussen sich stets stark, und ihre Übergänge sind zum Teil sehr fließend.
Es muss in diesem Zusammenhang ausdrücklich betont werden, dass der Mensch zwar ein breites Spektrum funktioneller Möglichkeiten besitzt, aber letztlich nur einen funktionellen Sytemkomplex; d.h. andererseits, dass wir wissenschaftlich nicht in der Lage sind, spezielle Mechanismen beim Menschen zu bestimmen, die z.B. allein für die Bewegungstechnik, die Kraft oder Schnelligkeit verantwortlich sind.
Das bedeutet gleichzeitig für die Verbesserung (Optimierung) der sportlichen Leistung in eine ganz spezifischen Richtung – z. B. Schnelligkeitssteigerungen im Sprint – , dass nicht die <Eigenschaft> Schnelligkeit allein erhöht wird, sondern dass es sich hierbei um die funktionelle Spezialisierung des ganzen Organismus in der Richtung handelt, die für die Entwicklung eines hohen Niveaus der Schnelligkeit notwendig ist.

Was ist Schnelligkeit im Sport?

Definitorisch versteht man unter Schnelligkeit im Sport die Fähigkeit, aufgrund kognitiver Prozesse, maximaler Willenskraft und der Funktionalität des Nerv-Muskel-Systems höchstmögliche Reaktions- und Bewegungsgeschwindigkeiten unter bestimmten gegebenen Bedingungen zu erzielen.
So gesehen ist Schnelligkeit eine psycho-physische Fähigkeit, die nur in solchen Bewegungshandlungen voll zum Ausdruck kommt, bei denen die maximale Leistung nicht durch Ermüdung limitiert wird.

Die in der Definition erwähnten <bestimmte gegebene Bedingungen> sind vorwiegend folgende:

  • Die Art der disziplinspezifischen Fortbewegung (Bewegungstechnik) und somit gleichsam die Bewegungsaufgabe (wie Sprinten, Spielaktionen, Fechten, Boxen, Rudern u.a. m.)
  • Die Größe des dabei zu überwindenden Widerstandes (bei azyklischen und zyklischen Bewegungen)
  • Die an der Bewegung beteiligten unterschiedlichen Amplituden (Gelenkausschläge)
  • Besonders individuelle Voraussetzungen (wie Talent, Konstitution, Wille, Geschlecht, Alter) und
  • Äußere Einflüsse (wie Wind, Lärm, Gegner, Bodenbeschaffenheit u.a.m.)

(Im nächsten Beitrag werden wir auf die Erscheinungsformen der Schnelligkeit, ihre Abgrenzung zur Kraft sowie die Schnelligkeit unter dem Gesichtspunkt der Ermüdung eingehen)

Selma Dilek Babayigit


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