To be a pitcher – von Klaus Knüttel

Hier ein Beitrag von “Gast-Schreiber” Klaus Knüttel, erfolgreicher ehemaliger Nationalspielerin, Spieler bei den Mannheim Tornados und  Baseball-Legende.

Als die Redaktion auf mich zukam und mich bat, einen Artikel zum Thema „The Winning Pitcher“ zu schreiben, dachte ich, klar, das mach ich, kein Problem. Ich spiele seit über zwanzig Jahren Baseball und habe schon richtig viele Spiele bei den Mannheim Tornados und in der deutschen Nationalmannschaft gepitcht. Ich war in vielen Finalrunden auf dem Hügel gestanden und habe auf vielen internationalen Turnieren gegen erstklassigen Mannschaften gespielt. Da wird man doch in einem Artikel sagen können, was einen guten Pitcher auszeichnet und stark macht. Doch ganz so einfach ist es jetzt doch nicht für mich und vor allen Dingen kann ich das nicht in ein paar Worten sagen, dazu muss ich ein wenig ausholen:

Ein Pitcher zu werden, bedeutet harte und kontinuierliche Arbeit über viele Jahre hinweg. Man ist nicht auf einmal ein Pitcher, sondern dazu wird man in vielen Jahren durch einen guten Coach gemacht. Sicherlich kommt hier eine gewisse Gabe mit ins Spiel, Talent, das ein Coach am besten schon in jungen Jahren in einem Spieler entdeckt, und langsam aufbaut. Die sogenannten guten Pitcher sind alle langsam und nach einem guten Plan ans Pitchen herangeführt worden; langfristig werden die Trainingseinheiten geplant und es wird immer ein Schritt nach dem anderen gemacht. Wie viele junge Pitcher habe ich in Deutschland schon gesehen, die mit Mitte Zwanzig oder noch früher ihren Arm nicht mehr heben konnten, geschweige denn, noch einen Ball pitchen konnten. Es liegt in den Händen von einem guten Coach, einen Pitcher aufzubauen und gut werden zu lassen. Ich habe leider viele Trainer gesehen, die die jungen und wilden Pitcher nicht geschützt und einfach verheizt haben, weil für sie nur der kurzfristige Erfolg gezählt hat. Somit liegt der Anfang für einen Pitcher und eigentlich für jeden Spieler ersteinmal in den Händen von anderen.

Natürlich kommt es auch auf die Person selbst an: ein guter Pitcher hat im Laufe der Jahre gelernt, seinen Fastball kontrolliert auf die Corners zu werfen, er verfügt über mehrere gute Breaking-Pitches und hat eine gute und starke Kondition. Und das wird über das ganze Jahr trainiert und wenn die eine Saison vorbei ist, fängt im Grunde die nächste gleich wieder an. Natürlich gibt es Pausen zur Regeneration und ich muss an dieser Stelle leider zugeben, dass diese mit den Jahren immer länger geworden sind. Diese Pausen müssen Teil eines ganzen Planes sein, denn wenn man über Jahre hinweg auf einem hohen Niveau spielen will, muß man lernen, seinen Körper sinnvoll zu verwalten. Auch hier helfen am Anfang sicherlich die Coaches, aber im Laufe der Jahre lernt jeder gute Pitcher, auf seinen Körper selbst aufzupassen und wenn er das versäumt, dann wird er früher oder später Probleme bekommen. All zu oft verwalten sich besonders die Pitcher schlecht: das fängt beim Warm-Up an, geht über das Strechen und Warmhalten besonders des Armes und des Rückens während des Spieles und hört beim Cool-Down auf. Alle guten Pitcher haben gelernt, auf ihren Körper aufzupassen. Letztendlich kann man nur selbst entscheiden, wie lange man auf dem Hügel bleiben kann. Die Gesundheit geht immer vor! Sicherlich geht man in manch wichtigem Spiel auch mal einen Schritt zu weit, aber das muß immer die Entscheidung von dem Pitcher selbst sein und darf niemals von einem Coach verlangt werden. Im Gegenteil, wenn ein Pitcher an seine Grenzen geht und vielleicht auch darüber hinaus, weil irgendwie neigen viele guten Pitcher genau dazu, dann muss der Coach eingreifen und den Pitcher vor sich selbst beschützen.

Es werden an dieser Stelle zwei Dinge deutlich:

Erstens muss die Zusammenarbeit, das Verständnis, der gegenseitige Respekt und das Vertrauen zwischen einem Coach und einem Pitcher besonders groß sein. Egal welchen Pitcher man fragt, alle können sich an ihren ersten Coach am Besten erinnern, nicht unbedingt weil er ihnen immer die beste Technik beigebracht hat, das hat sich im Laufe der Jahre sicherlich immer wieder verändert, aber das Vertrauen war am größten. Den Coach, der in einem den Wunsch und die Begierde geweckt hat, in der Mitte von diesem Feld zu stehen und das direkte Duell zu den Schlagleuten zu suchen, den wird kein Pitcher vergessen. Leider sieht man oft Coaches, die genau das nicht in ihren Werfern wecken können.

Zweitens kommt es natürlich auf den Pitcher selbst an, ob er bereit ist, immer wieder die Herausforderung anzunehmen, sein Bestes bei jedem Wurf zu geben, aus Niederlagen zu lernen, sich nie mit einem erreichten Niveau zufriedenzugeben und immer ein bißchen mehr zu tun, als die anderen. Es ist im Grunde eine große Fleißaufgabe, und die Herausforderung besteht darin, jedes Jahr auf´s Neue seinen inneren Schweinehund zu überwinden und besser sein zu wollen, als die Schlagleute. In einem Jahr auf einem guten Niveau zu sein, bedeutet nicht selbstverständlich, dass man im nächsten Jahr genau da weitermachen kann. Man kann sich leider nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, in dem Moment, wo man sich mit einem Niveau zufrieden gibt, macht man schon einen Schritt rückwärts.

Aber all das macht immer noch keinen guten Pitcher aus, es gibt viele, die die Technik beherrschen und die einen guten Coach haben und dennoch sind sie nur Durchschnitt. Es gibt keinen Pitcher, der ohne seinen Catcher eine hervorragenden Leistung bringen kann. Sicherlich kann ein guter Pitcher mit einem mittelmäßigem Catcher eine solides Spiel pitchen, und damit auch Erfolg haben. Aber ein Spiel zu kontrollieren und es zu schaffen, dass die Schlagleute nur noch reagieren und nicht mehr agieren, das geht nur mit einem guten Catcher. Eine eingespielte Battery ist sich zu 95% über die Art des Pitches und der Location einig, sie denkt gleich und hat das gleiche Spielverständnis. Pitcher und Catcher haben viele Nächte zusammen über Strategien philosophiert und haben einfach die selben Spielzüge im Kopf. In vielen Fällen sind sie wirklich gute Freunde geworden, nicht nur, weil sie sehr viel Zeit mit einander verbringen, sondern weil zwischen den guten Pitchern und Catchern einfach die Chemie stimmt.

Aber auch das reicht noch nicht aus, wenn ich an einen guten Pitcher denke: Ohne ein gutes Team gibt es keinen guten Pitcher. Natürlich gibt es viele, die der Meinung sind, dass ein Pitcher, der zwei Strike-Outs pro Inning wirft, gut ist. Natürlich ist dieser Pitcher gut, aber das macht er sicherlich nicht in jedem Spiel. Und wenn er dann in einem anderen Spiel kein Strike-Out wirft oder nur wenige, ist er dann nicht mehr gut? Die ganzen Statistiken helfen hier meiner Meinung nach nicht weiter. Ich weiß, dass die guten Pitcher nicht das Ziel haben, einen Schlagmann auszustriken, sondern sie wollen ihn so schlagen lassen, dass die Mitspieler im Feld ein möglichst einfaches Out machen können. Sie wollen mit möglichst wenig Pitches aus den Innings kommen, um einfach Kraft und Konzentration zu sparen. Die besten Innings sind demnach drei Pitches und drei Outs. Natürlich ist das jetzt ein Wunsch, den einem die Schlagleute nur sehr ungern erfüllen. Baseball und Softball ist ein Mannschaftssport und nur wenn alle gut sind, gewinnt man auch zusammen. Natürlich trägt der Pitcher seinen Teil dazu bei und versucht, möglichst wenig Runs zuzulassen, aber erstens kann er das nicht alleine und zweitens steht es dann im besten Falle immer noch 0:0; die Offence muss dann auch ihren Teil erfüllen und mindestens einen Run mehr als der Gegner erzielen.

Ich denke, es fehlt immer noch ein entscheidender Punkt, den einen guten Pitcher ausmacht: seine mentale Stärke. Und diese Stärke ist wahrscheinlich am wichtigsten. Ich habe viele Pitcher gesehen, die eine gute Form , einen guten Coach, einen guten Catcher und ein gutes Team hatten, und dennoch sind sie nie wirklich gute Pitcher geworden. Nervenstärke, ein starkes Selbstbewußtsein, positives Denken, Glaube an die eigene Fähigkeit, Konzentration, Souveränität, die Fähigkeit, immer wieder die gleichen Habits abzurufen, eine gesunde Art von Arroganz und vor allem die Gelassenheit, vom Gegner, den Zuschauern und auch manchmal von den Umpiren unbeeindruckt zu bleiben, das alles zeichnet einen guten Pitcher aus. Natürlich kann man einige Punkte im Laufe der Jahre erlernen, aber manche Dinge bringt man als Mensch einfach mit oder eben nicht. Aufgrund all dieser Fähigkeiten werden sich in den entscheidenden Spielsituationen immer nur die wirklich guten Pitcher durchsetzen.

Zum Schluss möchte ich noch kurz erklären, warum ich meinem Artikel nicht die Überschrift „The Winning Pitcher“ geben möchte: Kein auch noch so guter Pitcher würde sich selbst als Winning Pitcher bezeichnen, das machen doch nur die anderen. Als Pitcher macht man auf dem Feld seinen Job, wie alle anderen auch, und wenn nach dem Spiel, der Coach oder die Presse sagen, dass man der Winning Pitcher war, dann ist das ein großer Lob und zeichnet einen aus, aber es ist keine Garantie, das man im nächsten Spiel den gleichen Erfolg wieder haben wird. Jedesmal, wenn der Umpire „Play ball“ ruft, fängt die Herausforderung von Neuem an und man muss sich jedesmal auf´s Neue auszeichnen. Und das gilt nicht nur für den Pitcher, sondern für alle Spieler in einer Mannschaft. Man verliert und gewinnt immer als Team.


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